Interview | Claudia Lösch - Olympia World
Wenn das Ticket zur Veranstaltung schon das Öffi-Ticket ist.
Claudia Lösch hat als Paralympionikin gelernt, Hindernisse zu überwinden. Als Event-und Marketingmanagerin bei der Olympiaworld Innsbruck wendet sie genau das an — auf Parkplätze, Barrierefreiheit und die Frage, wie Gäste überhaupt ankommen.
Wir haben Sie getroffen. Viel Freude beim Lesen.
Bob-Weltcup in Innsbruck. Hunderte Zuschauer, Athleten aus zwei Dutzend Nationen, Betreuer, Funktionäre, Mediateams.
Früher: Stau, Parkplatznot, Chaos auf den Zufahrtsstraßen.
Heute: deutlich weniger Autos, kaum Warteschlangen.
Was sich geändert hat? Ein Ticket. Wer zur Veranstaltung kommt, kann damit den ganzen Tag alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Tirol nutzen, ohne Aufpreis.
Die Frau hinter diesem Modell erklärt es so, als wäre es das Naheliegendste der Welt: „Die Maßnahme wirkt definitiv. Wir brauchen seither viel weniger Parkplätze.“ Claudia Lösch ist arbeitet in der Olympiaworld Innsbruck und ist eine der klarsten Stimmen, die ich in diesem Bereich getroffen habe.
Dass sie überhaupt in dieser Rolle sitzt, hat mit einer Entscheidung zu tun, die sie vor acht Jahren getroffen hat. Eine Entscheidung, die ihr die Sportlerinnenkarriere beendet hat und die sie bis heute für absolut richtig hält.
Vom Wettkampf zur Veranstaltungsstätte
Claudia Lösch ist querschnittgelähmt, seit sie sechs Jahre alt ist. Sie hat eine der erfolgreichsten Karrieren im österreichischen Sport hingelegt: neun Paralympische Medaillen, darunter zwei Gold. Weltcup-Siege. Sportlerin des Jahres, sechsmal.
Nach den Spielen in Pyeongchang 2018 hört sie überraschend auf, aus freien Stücken. Es hätten wohl noch mehr Erfolge sein können. Peking sollte der nächste Austragungsort sein. Lösch, ausgebildete Politikwissenschaftlerin, die sich im Studium mit der Schnittstelle von Sport und Politik beschäftigt hat, zieht die Konsequenz: „Ich wollte keine Marionette sein für ein politisches System wie jenes in China.“ Ein Satz, den viele denken. Den sie ausspricht und so ihren Grundsätzen treu bleibt.
Was danach kommt, ist kein Plan. Sie testet, ob sie überhaupt 30, 40 Stunden die Woche in einem Büro sitzen kann, nach zwei Jahrzehnten Wettkampfsport. Sie landet bei der Olympiaworld. „Zufallstreffer“, sagt sie. Und lacht. Heute verantwortet sie dort drei Bereiche: die Organisation der Bob- und Skeleton-Weltcups, das Volunteer Team Tirol mit rund 2.500 Freiwilligen und den Teilbereich Barrierefreiheit innerhalb der Nachhaltigkeitsstrategie.
Mobilität als erstes Erlebnis. Oder erstes Hindernis.
In der Tourismus- und Freizeitwirtschaft beginnt das Gästeerlebnis nicht an der Kasse oder im Foyer. Es beginnt mit der Frage: Wie komme ich überhaupt hin? Lösch denkt Nachhaltigkeit konsequent vom Gast her. Als Customer Journey, Schritt für Schritt.
„Du entscheidest, du willst ein Konzert sehen. Du holst dir Informationen, kaufst ein Ticket, reist an, bist da, fährst wieder nach Hause. Wenn man das Schritt für Schritt durchgeht, dann identifiziert man die Barrieren.“ Das gilt für Barrierefreiheit genauso wie für nachhaltige Mobilität. Beides ist für sie kein Add-on, sondern ein strukturelles Thema.
Für die Olympiaworld bedeutet das konkret: Ticketkooperation mit den Innsbrucker Verkehrsbetrieben für externe Veranstaltungen, stark erhöhte Parkgebühren als Lenkungsmaßnahme und die Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Stadtrad. Fahrten zur Olympiaworld sind in den ersten 30 Minuten kostenfrei. Für selbst veranstaltete Events wie den Bob-Weltcup gibt es zusätzlich das VVT-Kombiticket: Eintrittskarte kaufen, ganztägig im gesamten Tiroler Verkehrsverbund fahren.
„Du kaufst dir ein Event-Ticket und kannst damit den ganzen Tag in ganz Tirol sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Wir brauchen seither deutlich weniger Parkplätze.“
Stringenz ist entscheidend
Das klingt einfach. Ist es strukturell aber nicht, denn es erfordert, dass Kommunikation und Nachhaltigkeitsstrategie in einer Hand liegen. „Die Leute, die die Kommunikation machen, sind mehr oder weniger die gleichen, die auch am Nachhaltigkeitsthema arbeiten. Dadurch hat man die kurzen Wege.“ In der Praxis: Jedes Social-Media-Posting zu einer Veranstaltung enthält standardmäßig den Hinweis auf klimafreundliche Anreise. Kein manueller Aufwand, kein Erklärungsbedarf intern.
Barrierefreiheit ist auch eine Mobilitätsfrage
Was für Nachhaltigkeit gilt, gilt für Barrierefreiheit erst recht: Der Weg zur Veranstaltung ist Teil des Erlebnisses und oft der erste Punkt, an dem Menschen mit Einschränkungen scheitern. Lösch weiß das nicht nur aus der Theorie, wie viele andere.
Ihr Ansatz: zuerst Selbstvertretungsorganisationen einbinden, Gehörlosenverband, ÖZIV. Dann ein sogenanntes Access Statement erstellen, das die gesamte Infrastruktur systematisch auf Zugänglichkeit prüft: digitale Kanäle, Anreiseinformationen, physische Wege im Haus. „Wir sind dann nach und nach drauf gekommen: da gibt es eine Problemstelle, da gibt es eine Problemstelle.“
Priorisierung ist dabei unausweichlich und Lösch spricht das ohne Beschönigung aus. In Tirol sind rund 5.000 Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen. Deutlich mehr haben Hörbehinderungen. Eine Induktionsanlage für wenige tausend Euro hilft einer deutlich größeren Gruppe als ein Umbau für zehntausende Euro. „Man versucht, mit dem verfügbaren Budget den größten Benefit rauszuholen.“ Kein ideologischer Satz. Ein pragmatischer.
Dass die Innsbrucker Verkehrsbetriebe mittlerweile selbst barrierefrei unterwegs sind, vereinfacht die Mobilitätslösung erheblich: Das Veranstaltungsticket funktioniert dann für möglichst viele Menschen nicht nur für jene, die ein Auto fahren können.
Kleine Maßnahmen, großer Hebel
Das Prinzip zieht sich durch ihre gesamte Arbeit: mit überschaubarem Mitteleinsatz möglichst viele Menschen erreichen und möglichst viele Ziele gleichzeitig erfüllen.
Das anschaulichste Beispiel sind Pokale. Klingt banal, ist es nicht. Bei Bob-Europacup-Rennen braucht man rund 350 Stück pro Jahr. Früher: Billigplastik. Heute: Tiroler Zirbenholz, gefertigt von sozialökonomischen Betrieben. Im ersten Jahr die Lehrproduktionsschule, die Jugendlichen ohne Lehrstelle eine Chance gibt. Im zweiten Jahr Arist, ein Unternehmen, das Menschen mit psychischen Erkrankungen zurück in den Arbeitsmarkt begleitet. „Mit einer einfachen Maßnahme kannst du so viel gleichzeitig machen: Plastikmüll vermeiden, regional einkaufen, soziale Nachhaltigkeit leben.“
Beim Thema Getränke: Weg von PET-Flaschen, hin zu Schankanlagen. Ergebnis: zweieinhalb Tonnen Plastikmüll weniger pro Jahr. Auch hier der gleiche Reflex, nicht das große Konzept, sondern die konkrete Maßnahme mit messbarer Wirkung.
„Am Ende ist es ein Veränderungsprozess. Und der ist umso schwerer, je länger gewisse Traditionen schon etabliert sind.“
Claudia Lösch, sechsfache Sportlerin des Jahres in Österreich mit Benedikt Kramer, Co-Founder vionmo
Was andere davon lernen können
Was würde sie Organisationen raten, die Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit bei Veranstaltungen ernsthaft angehen wollen — ob Sport oder Tourismus, groß oder klein?
Ihre Antwort ist nicht die einer Idealistin. Kurze Wege zwischen Kommunikation und Nachhaltigkeitsverantwortung. Prozesse so gestalten, dass Mitarbeitende möglichst wenig Zusatzaufwand haben. Und die richtigen Persönlichkeiten an die richtigen Stellen setzen. „Je mehr du von Leuten verlangst, desto größer wird der innere Widerstand.“
Wenn strukturelle Zwänge im Weg stehen: „Dann musst du für diese Person einen Benefit drin finden. Manchmal musst du wirklich mit den nackten Zahlen ran.“ Den Parkplatz teurer machen, damit das Kombiticket attraktiver wird. Nachhaltige Mobilität nicht als Verzicht verkaufen, sondern als Service.
Die Entscheidung, die alles verändert hat
Am Ende: Was würde sie der Claudia von 2018 raten? Jener, die gerade in der Ungewissheit stand, mitten zwischen Karriereende und dem, was danach kommt?
Sie überlegt kurz. Dann: „Ich würde raten, den Sommer danach mit noch etwas mehr Ausbildung zu verbringen. Ein paar Themen auf universitärem Niveau noch etwas vertiefen.“ Eine Pause. „Aber die Entscheidung an sich war die absolut richtige.“
Kein Drama. Kein Bedauern. Keine Romantisierung. Nur die ruhige Überzeugung von jemandem, der weiß, was ihr wichtig ist und der bereit war, dafür einen Preis zu zahlen.
Claudia Lösch organisiert heute Weltcup-Rennen, denkt über strukturelle und wirksame Veränderung in Organisationen nach und arbeitet daran, dass Menschen, alle Menschen, besser zu Veranstaltungen kommen. Vom Podium zur Verantwortung. Der Zufallstreffer hat gehalten.

