WIE SALZBURG MIT DEM GUEST-MOBILITY-TICKET EUROPAS TOURISMUSMOBILITÄT NEU DENKT

erschienen im Dezember 2025 in der Zeitschrift ÖZV - Österreichische Zeitschrift für Verkehrswissenschaft Ausgabe 2025 - 3

Als Salzburg am 1. Mai 2025 sein landesweites GuestMobility-Ticket einführte, war das mehr als eine neue Gästekarte. Es war ein Bruch mit liebgewonnenen Routinen und ein Versprechen durch Landesrat und stv. Landeshauptfrau Stefan Schnöll: Wer in Salzburg nächtigt, bewegt sich mit einem Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmitteln im ganzen Land ohne zusätzliche App oder Ticketkäufe an Schaltern. Finanziert wird das Ticket über eine zweckgewidmete Mobilitätsabgabe (Start: 0,50€ pro Nacht, ab 1. Mai 2027: 1,10€). Einfach, digital, flächendeckend.

Nutzung übertrifft Erwartungen

Dass dieser Schritt Pionierarbeit ist, beweist der Blick auf die ersten Monate: 1,5 Millionen ausgegebene Tickets in den ersten 100 Tagen und rund EUR 20 Mio. jährlich erwartete Einnahmen für den Angebotsausbau. Gleichzeitig wurden erste Kapazitätsengpässe gezielt mit Fahrplanverdichtungen adressiert – Classic Learning By Doing. Genau so sieht praktische Transformation aus und das gehört dazu. Das braucht Stärke und Willenskraft auch Kritik auszuhalten, aber vor allem innere Überzeugung sich nicht abbringen zu lassen.

Wilhelm Prommegger, Prokurist bei Salzburg Verkehr gilt als treibender Kopf des Guest Mobility Ticket. Mit touristischer Expertise, langer inhaltlicher Vorbereitung und breiter Stakeholdereinbindung in den Landesgauen hat er die Maßnahme vorangetrieben und sich auch durch Gegenwind nicht beirren lassen.

Der erste geht voran, die anderen finden den Weg leichter

Pionierprojekte sind selten friktionsfrei. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Einzelne Betriebe fühlten sich spät informiert, Gäste wussten nicht immer, dass sie das Ticket bereits vor der Anreise digital erhalten. Gleichzeitig meldeten Regionen mit dünner ÖV-Erschließung Sorgen wegen voller Busse oder ungleicher Nutzenverteilung. Beides ist dokumentiert und beides ist typisch für die erste Phase einer Systeminnovation. Ich war mehrfach vor Ort und habe diese Dynamik miterlebt. Es wird immer Akteure geben, die sich zu wenig informiert fühlen. Kommunikation ist jedoch keine Einbahnstraße: Ab einem gewissen Zeitpunkt ist Informationen nicht nur Bringschuld, sondern auch Holschuld.

Bemerkenswert ist, wie schnell Gegenkräfte zu Mitstreiter:innen wurden, wenn Nutzen sichtbar wird. Zum Teil sind in Regionen der größten Kritiker:innen nun die größten Fans zu Hause. Fahrgastzählungen zeigen, dass Gäste ihre Autos stehen lassen. So verbessert ein Gäste-Angebot messbar auch die Mobilität der Einheimischen und Pendler:innen. Ein politisch entscheidender Aspekt für Akzeptanz, an der natürlich nie aufgehört werden darf weiter zu arbeiten. Die ersten Nachahmer sind bereits gefunden. Der jüngst (Okt 2025) in Begutachtung geschickte Entwurf des neuen Kärntner Tourismusgesetzes zeigt bereits erste übernehmende Regionen des Salzburger Modells.

Warum das Timing stimmt: Nachfrage kippt in Richtung nachhaltiger Mobilität

Parallel zur Salzburger Pionierarbeit verschiebt sich die Marktnachfrage. Mehrere, voneinander unabhängige Studien belegen:

  • Reiseanalyse, Umweltbundesamt Deutschland: Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung für die Reiseentscheidung; die Studie dokumentiert wachsendes Interesse und Zahlungsbereitschafts-Signale für klimafreundlichere Optionen, wenn Buchung und Information einfach sind.

  • Eurobarometer zu nachhaltigem Tourismus: Ein großer Teil der EU-Bürger:innen ist bereit, Reisegewohnheiten zugunsten nachhaltiger Optionen zu ändern u.a. durch die Wahl ökologischer Verkehrsmittel. Die Informationsqualität und einfache Buchbarkeit sind entscheidende Hebel.

  • Praxisbefunde aus Destinationen: Wo ÖV vor Ort verlässlich funktioniert und sichtbar kommuniziert wird, steigt die Bereitschaft, den PKW im Urlaub nicht zu benötigen. Eine Einsicht, die u.a. die Tirol Werbung inzwischen als Handlungsfeld priorisiert.

  • Schweiz Tourismus / Swisstainable: Die Mobilität ohne Auto wird als Qualitätsmerkmal der Destination verstanden. Nachhaltigkeit rückt vom Nice-To-Have zum Wettbewerbsfaktor auf.

Diese Evidenz passt auffällig gut zu dem, was Salzburg in kurzer Zeit zeigt: Wenn Mobilität ohne Auto zum Standard wird, steigt erlebte Qualität, verteilt sich Wertschöpfung breiter in der Region und die ökologische Wirkung ist unmittelbar.

Fünf Dinge, die Salzburg konkret richtig macht:

  • Flächendeckung statt Inseln. Das Ticket gilt im gesamten Bundesland, inkl. Stadt- und Regionalbus, S-Bahn, Regional- und Fernverkehr (abgesehen von Ausnahmen wie Nachtbus/Sonderzüge). Damit entfällt das klassische Tarif- und Zonen-Labyrinth, das Tourist:innen oft vom ÖV abhält.

  • Einfache Ausgabe & digitale Verfügbarkeit. Ausstellung beim Check-in, PDF/Wallet im Pre-Check-in via Mail, Verbindung mit dem Gästemeldewesen. Ganz wichtig: ohne zusätzliche App. So wandert die Komplexität aus dem Kopf der Gäste in die Systeme des Anbieters.

  • Zweckbindung der Abgabe. Die 0,50€ (später 1,10€) fließen zweckgewidmet in den ÖV-Ausbau. Es müssen neue Angebote geschaffen werden u.a. Mikro-ÖV in ländlichen Räumen und die Verdichtung stark nachgefragter Linien (z. B. Bus 150 Richtung Salzkammergut). Das erzeugt sichtbare Gegenleistungen für Einheimische und erhöht politische Tragfähigkeit.

  • Frühe, transparente Zwischenbilanzen. Die öffentliche Kommunikation der Ticketzahlen und Ausbaupläne schafft Vertrauen und liefert Grundlage, operative Kinderkrankheiten (Kommunikation, Kapazitäten) systematisch abzustellen.

  • Blick in die Zukunft: In Österreich haben mittlerweile 21 % der Bevölkerung im führerscheinfähigen Alter keine Lenkerberechtigung. In Wien sind es über 40 % und insgesamt 52 %, die selten bzw. nie mit dem Auto fahren.

Geht diese Entwicklung weiter, sind Tourismusregionen, die kein öffentliches Angebot haben nur mehr exklusiv für eine Gästegruppe vorenthalten. Autonomes Fahren ab 2030 wird sein Übriges tun.

Wirkungen in der Routenwahl beispielsweise die Aufteilung der Tagesausflüsse, in der Aufenthaltsdauer, beim Modal Split der Anreise, Emissionsreduktionen oder Umsatzverteilungen zwischen Zentren und Umland zeigen sich erst über 2–3 Jahre stabil. Salzburg hat die Weichen gestellt, aber der echte Nettoeffekt wie weniger Stau, geringere Emissionen, höhere Zufriedenheit skaliert erst mit Konstanz. Also mit mehr Takt, klarer Information vor der Buchung, und Produktautomatik, um Verhalten im richtigen Moment, dem „Habit-Breaking-Moment" zu ändern.

Lehren für Nachfolger:innen: Fünf Prinzipien, die überall funktionieren können

  • One Ticket to rule them all: Keine „Fleckerlteppiche" und Sonderlösungen. Ein Ticket für alle relevanten Verkehrsmittel in der Destination und wenn möglich im Umland – siehe oberösterreichisches Salzkammergut.

  • Communication first: Gäste wollen vor Ort fahren, aber entscheiden vor der Buchung. Sichtbarkeit des Tickets auf allen Kanälen der Betriebe, idealerweise mit automatischer Vorabzustellung.

  • Zweckbindung & Monitoring: Einnahmen aus der Abgabe messbar und zweckgebunden vor Ort in zusätzliches Angebot übersetzen (Taktung, Mikro-ÖV, Sharing-Angebote). Regelmäßige Veröffentlichung von Kennzahlen.

  • Kapazität ist Klimaschutz: Spitzenlinien frühzeitig verstärken und Engpässe proaktiv kommunizieren. Gäste verzeihen Wartezeiten, schlechten Informationsfluss weniger.

  • Partner machen den Unterschied: Hotellerie, TVBs und Verkehrsverbund als eine Produktmannschaft denken. Schulungen, Vorlagen, FAQ, Hotline, Ansprechpartner:innen mit persönlichem Kontakt, etc.

Salzburg hat vorgemacht, was viele für unmöglich hielten: einfach nutzbare, flächendeckende, zweckfinanzierte Gästemobilität. Kritikpunkte sind immer lösbar, der Nettonutzen wird damit sichtbar und die Nachfrage dreht in dieselbe Richtung. Wer heute Zweite:r, Dritte:r, etc. wird, profitiert von Salzburgs Lernkurve. Mut kann man sich nicht kaufen, aber man kann ihn übernehmen. Dazu gehört vor allem dazu Einzelinteressen für das Wohl aller hintanzustellen.

Der Markt ist bereit, die Bevölkerung & Gäste profitieren und das Klima obendrauf ebenso.

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